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Äquator-Konföderation

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Darstellung von Kämpfen zwischen kaiserlichen und konföderierten Truppen in Recife (1824)

Die Äquator-Konföderation (Portugiesisch: Confederação do Equador) war ein kurzlebiger Staat, der 1824 im Nordosten des Kaiserreichs Brasilien in den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit des Landes von Portugal ausgerufen wurde. Die separatistische Bewegung wurde von Liberalen getragen, die sich gegen die autoritäre und zentralistische Politik des ersten Staatsoberhaupts, Kaiser Peter I., wandten. Die Kämpfe fanden in den Provinzen Pernambuco, Ceará und Paraíba statt.

Die Auflösung der brasilianischen verfassunggebenden Versammlung im Jahr 1823 löste in Pernambuco große Bestürzung aus. Die beiden wichtigsten liberalen Politiker der Provinz, Manuel de Carvalho Pais de Andrade und Joaquim do Amor Divino Rabelo e Caneca, besser bekannt als „Frei Caneca“, hatten die Versammlung unterstützt.[1] Beide hatten bereits am Aufstand von 1817 teilgenommen und waren später begnadigt worden.[2] Sie hatten die Monarchie akzeptiert, weil sie davon ausgingen, dass den Provinzen Autonomie gewährt werde. Die Verkündung der Verfassung von 1824 mit ihrem stark zentralisierten Regierungssystem enttäuschte diese Erwartung.[3][4] Auch ließ der Kaiser die Provinzpräsidenten selbst ernennen, anstatt dass diese in den Provinzen selbst gewählt wurden, was in Pernambuco, einer Hochburg des Republikanismus, nicht hingenommen wurde.[5]

Pernambuco war in zwei politische Lager gespalten: eine monarchistische Fraktion unter Francisco Paes Barreto und eine republikanische Fraktion unter Manuel de Carvalho Pais de Andrade.[3] Die Provinz wurde von Paes Barreto regiert, der von Peter I. gemäß dem von der verfassunggebenden Versammlung am 20. Oktober 1823 erlassenen Gesetz zum Präsidenten ernannt worden war; diese Regelung wurde später durch die Verfassung beibehalten.[2][4][6] Am 13. Dezember 1823 trat Paes Barreto unter dem Druck der Liberalen zurück, die anschließend Paes de Andrade an seiner Stelle wählten.[2] Weder Peter I. noch die Regierung wurden über die Wahl informiert; die Rückkehr Paes Barretos ins Amt wurde verlangt, von den Liberalen jedoch ignoriert.[3][7]

Im April 1824 wurde eine Flottenabteilung unter dem Kommando des Kapitäns John Taylor ausgesandt, um Recife zu blockieren und die Rebellen in die Knie zu zwingen. Das Geschwader bestand aus den Fregatten Nichteroy unter Taylors Kommando und der Piranga unter James Norton, der Brigg Bahia, dem Schoner Leopoldina und der Charrua Gentil Americana.[8][6][9] Die Liberalen weigerten sich jedoch weiter entschieden, Paes Barreto wieder einzusetzten und bereiteten sich auf den Krieg vor.[3][10]

Frei Caneca, José da Natividade Saldanha und João Soares Lisboa, der kurz zuvor aus Buenos Aires zurückgekehrt war, waren die führenden Köpfe hinter der Rebellion.[3][1] Zu den Ideen der Liberalen gehörten Liberalismus, Föderalismus und Republikanismus sowie die Ablehnung der Sklaveneinfuhr nach Pernambuco. Die komplette Abschaffung der Sklaverei wurde erwogen. Ein Vorbild beim Staatsaufbau waren die Vereinigten Staaten von Amerika.[5] Ihre Unterstützer waren vorwiegend in Teilen der gebildeten städtischen Mittelschichten, Journalisten, Geistlichen, Juristen, ehemaligen Teilnehmern der Revolution von 1817 sowie bei einigen Sympathisanten im Militär zu finden.

Obwohl Recife – genauer gesagt die dortigen Liberalen – gehen ihn rebelliert hatte, versuchte Peter I., einen von ihm als unnötig angesehenen Konflikt zu verhindern, und ernannte José Carlos Mayrink da Silva Ferrão zum neuen Präsidenten der Provinz. Mayrink stammte aus der Provinz Minas Gerais, stand den Liberalen jedoch nahe und hätte als neutrale Persönlichkeit zwischen den beiden lokalen Fraktionen vermitteln können. Die Liberalen akzeptierten Mayrink jedoch nicht, woraufhin er nach Rio de Janeiro zurückkehrte.[3][6][10] Gerüchte über einen großen portugiesischen Flottenangriff – Brasilien befand sich weiterhin im Krieg um seine Unabhängigkeit – zwangen John Taylor dazu, wieder abzuziehen.[3][11]

Mögliche Karte der Konföderation. Theoretisch sollte der neue republikanische Staat neben Pernambuco auch die Provinzen Piauí, Ceará, Rio Grande do Norte, Paraíba, Sergipe und Alagoas umfassen. Tatsächlich schloss sich mit Ausnahme einiger Orte in Paraíba und Ceará keine dieser Provinzen dem Aufstand an.

Am 2. Juli 1824, nur einen Tag nach Taylors Abzug, nutzte Manuel Paes de Andrade die Gelegenheit und erklärte die Unabhängigkeit Pernambucos. Paes de Andrade sandte Einladungen an die übrigen Provinzen im Norden und Nordosten Brasiliens, sich Pernambuco anzuschließen und die Äquator-Konföderation zu bilden. Theoretisch sollte der neue republikanische Staat die Provinzen Grand Pará, entsprechend den heutigen Bundesstaaten Amazonas, Roraima, Rondônia und Pará, Maranhão, Piauí, Ceará, Rio Grande do Norte, Alagoas, Sergipe, Paraíba, Pernambuco und Bahia umfassen. Dem separatistischen Aufstand schloss sich jedoch keine dieser Provinzen an, mit Ausnahme einiger Ortschaften im Süden Cearás und in Paraíba.[3][9][11][12]

In Ceará verschärfte sich die Lage jedoch, als Präsident Pedro José da Costa Barros in Fortaleza abgesetzt und durch den Konföderierten Tristão Gonçalves de Alencar Araripe ersetzt wurde. Die übrigen Städte und Ortschaften der Provinz weigerten sich, diesen Schritt anzuerkennen und gingen zum Gegenangriff über. Alencar Araripe zog ins Landesinnere, wo er versuchte, die loyalistischen Truppen zu schlagen. Während seiner Abwesenheit bekräftigte die Provinzhauptstadt Fortaleza ihre Loyalität zum Kaiserreich.[13] In Pernambuco konnte Paes de Andrade nur auf Olinda zählen, da sich der Rest der Provinz dem Aufstand nicht anschloss. Der konföderierte Anführer bereitete seine Truppen auf den unvermeidlichen Angriff der Zentralregierung vor[10] und rekrutierte gewaltsam sogar Kinder und alte Männer.[14] Nachdem Peter I. vom separatistischen Aufstand erfahren hatte, erklärte er: „Was verlangen die Beleidigungen aus Pernambuco? Gewiss eine Strafe, und zwar eine solche Strafe, dass sie als Beispiel für die Zukunft dient.“[12]

Eine Straße in Recife, der Hauptstadt Pernambucos, in den 1820er Jahren.

Der kaisertreue Paes Barreto versammelte eigene Truppen, um den Aufstand niederzuschlagen, wurde jedoch besiegt und hielt seine Streitkräfte anschließend auf dem Land zurück, um auf Verstärkungen zu warten.[11] Am 2. August entsandte der Kaiser eine Flottenabteilung unter dem Kommando von Admiral Thomas Cochrane, bestehend aus einem Linienschiff, einer Brigg, einer Korvette und zwei Transportern sowie 1200 Soldaten unter Brigadegeneral Francisco de Lima e Silva.[14][15] Die Truppen landeten in Maceió, der Hauptstadt Alagoas, und marschierten von dort aus über Land nach Pernambuco. Die royalistischen Kräfte trafen bald auf Paes Barreto und seine 400 Mann, die sich dem Marsch anschlossen. Auf dem Weg wurde das Heer durch Milizionäre verstärkt und wuchs auf 3500 Soldaten an.[16][17] Der größte Teil der Bevölkerung Pernambucos, der auf dem Land lebte, darunter Anhänger Paes Barretos sowie gegenüber dem Streit zwischen den beiden Fraktionen neutrale oder gleichgültige Gruppen, blieb der Monarchie treu.[18] Besonders die reichen Zuckerbauern sahen die ambivalente Haltung der Konföderation zur Sklaverei als Bedrohung für ihren Wohlstand an, was zum Scheiten des Aufstands beitrug.[5]

Cochrane, der Recife bereits blockierte, versuchte unterdessen, Paes de Andrade zur Kapitulation zu bewegen und so unnötige Todesopfer zu verhindern. Andrade lehnte das Angebot mit der Begründung ab, er ziehe es vor, „auf dem Feld des Ruhmes“ kämpfend zu sterben.[11][14][16] Am 12. September griff das von Brigadegeneral Lima e Silva und Paes Barreto geführte Heer Recife an.[18] Manuel Paes de Andrade, der geschworen hatte, bis zum Tod zu kämpfen, floh heimlich mit José da Natividade Saldanha, ohne seine Gefährten zu informieren, und verließ die Stadt auf einem britischen Schiff.[14][18] Die führungslosen und demoralisierten Aufständischen wurden fünf Tage später in Olinda vollständig besiegt.[19]

Einige Truppen unter Führung von Frei Caneca konnten in Richtung Ceará entkommen. Sie glaubten, sich dort den Konföderierten anschließen zu können. Wenige Wochen später wurden sie jedoch von royalistischen Truppen besiegt. Einige, darunter João Soares Lisboa[14] und Alencar Araripe, starben; Letzterer wurde von seinen eigenen Männern ermordet.[20] Andere, darunter Frei Caneca, wurden gefangen genommen.[19] Den Aufständischen in Paraíba erging es nicht besser: Sie wurden rasch von den Truppen der Provinz überwältigt, beide Seiten verfügten über jeweils 2000 Mann,[21] ohne Unterstützung der Zentralregierung.[22]

Execução de Frei Caneca, von Murillo La Greca, 1924

Die Verfolgung der Konföderierten begann im Oktober 1824 und dauerte bis April 1825. Von den Hunderten Beteiligten an der Rebellion in den drei Provinzen wurden nur sechzehn zum Tode verurteilt, darunter Frei Caneca.[23][24] Frei Caneca wurde zunächst zum Tod durch Hängen verurteilt; das Urteil wurde später in eine Erschießung umgewandelt, „da er wegen des Ungehorsams der Henker nicht gehängt werden konnte“.[25][26] Er wurde am 13. Januar 1825 außerhalb der Mauern des Forte de São Tiago das Cinco Pontas hingerichtet. Alle übrigen wurden am 7. März 1825 von Peter I. begnadigt.[27]

Die Äquator-Konföderation bildete möglicherweise die Inspiration für die Benennung des Staates Ecuador, das 1830 unabhängig wurde. In der Historiografie Brasiliens geriet der Aufstand bald in Vergessenheit und wurde im Rückblick häufig als separatistisch eingestuft. Möglicherweise handelte es sich hierbei jedoch um Siegerpropaganda. In jüngerer Zeit fand zunehmend eine Neubewertung statt. So sei der Aufstand der Konföderation weniger ein Versuch der Abspaltung gewesen, sondern stattdessen der Versuch, ein alternatives liberales Brasilien zu etablieren und ein Vorbild für den Rest des Landes zu geben. Historiker halten es für wahrscheinlich, dass die Sklaverei in der Konförderation bald abgeschafft worden wäre. Im Kaiserreich blieb sie dageben noch bis 1888 in Kraft und war eng mit der Monarchie und der herrschenden Oligarchie verbunden.[5]

Flagge der Konföderation

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Ursprünglicher Entwurf für die Flagge der Konföderation, Aquarell, 1824

Zeitgenössischen Berichten zufolge bestand die Flagge aus einem himmelblauen Feld mit dem Wappen der separatistischen Republik. Das Wappen bestand aus einem quadratischen gelben „Schild“, der von Zuckerrohr- und Baumwollzweigen umgeben war. Auf dem Quadrat befand sich ein weißer Kreis mit den Worten „Religião, Independência, União, Liberdade“ („Religion, Unabhängigkeit, Einheit, Freiheit“), die durch quadratische Rutenbündel getrennt waren, vermutlich die Rutenbündel der Liktoren der römischen Fasces. In der Mitte des weißen Kreises befand sich ein kleinerer blauer Kreis, der durch einen waagerechten weißen Streifen geteilt war; darauf befand sich ein rotes Kreuz mit Kleeblattenden. Vier weiße Sterne flankierten den unteren Arm des Kreuzes, zwei oberhalb und zwei unterhalb des weißen Streifens. Neun weitere weiße Sterne waren halbkreisförmig am unteren Rand des blauen Kreises angeordnet. Aus der Oberseite des gelben Quadrats ragte ein roter Stab, der in einer Hand endete; auf der Handfläche befand sich das Auge der Vorsehung, umgeben von sechs weiteren weißen Sternen. Am oberen Rand der Flagge befand sich schließlich ein weißes Schriftband mit der Aufschrift Confederação („Konföderation“).[28]

Einzelnachweise

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  1. 1 2 Dohlnikoff, Miriam. Pacto imperial: origens do federalismo no Brasil do século XIX. São Paulo: Globo, 2005, S. 56.
  2. 1 2 3 Nossa História. Jg. 3, Nr. 35. São Paulo: Vera Cruz, 2006, S. 44.
  3. 1 2 3 4 5 6 7 8 Enciclopédia Barsa. Band 5: Camarão, Rep. Unida do – Contravenção. Rio de Janeiro: Encyclopædia Britannica do Brasil, 1987, S. 464.
  4. 1 2 Vainfas, Ronaldo. Dicionário do Brasil Imperial. Rio de Janeiro: Objetiva, 2002, S. 161.
  5. 1 2 3 4 Confederação do Equador: há 200 anos, Pernambuco criou 'Brasil alternativo' ao Império de Pedro I. Abgerufen am 17. Mai 2026 (brasilianisches Portugiesisch).
  6. 1 2 3 Vianna, Hélio. História do Brasil: período colonial, monarquia e república. 15. Auflage. São Paulo: Melhoramentos, 1994, S. 432.
  7. Nossa História. Jg. 3, Nr. 35. São Paulo: Vera Cruz, 2006, S. 44–45.
  8. NGB - Fragata Piranga. naval.com.br, abgerufen im Mai 2025 (portugiesisch).
  9. 1 2 Nossa História. Jg. 3, Nr. 35. São Paulo: Vera Cruz, 2006, S. 45.
  10. 1 2 3 Nossa História. Jg. 3, Nr. 35. São Paulo: Vera Cruz, 2006, S. 46.
  11. 1 2 3 4 Vianna, Hélio. História do Brasil: período colonial, monarquia e república. 15. Auflage. São Paulo: Melhoramentos, 1994, S. 433.
  12. 1 2 Lustosa, Isabel. D. Pedro I. São Paulo: Companhia das Letras, 2007, S. 176.
  13. Vianna, Hélio. História do Brasil: período colonial, monarquia e república. 15. Auflage. São Paulo: Melhoramentos, 1994, S. 435–436.
  14. 1 2 3 4 5 Enciclopédia Barsa. Band 5: Camarão, Rep. Unida do – Contravenção. Rio de Janeiro: Encyclopædia Britannica do Brasil, 1987, S. 465.
  15. Souza, Adriana Barreto de. Duque de Caxias: o homem por trás do monumento. Rio de Janeiro: Civilização Brasileira, 2008, S. 139.
  16. 1 2 Lustosa, Isabel. D. Pedro I. São Paulo: Companhia das Letras, 2007, S. 179.
  17. Souza, Adriana Barreto de. Duque de Caxias: o homem por trás do monumento. Rio de Janeiro: Civilização Brasileira, 2008, S. 140.
  18. 1 2 3 Souza, Adriana Barreto de. Duque de Caxias: o homem por trás do monumento. Rio de Janeiro: Civilização Brasileira, 2008, S. 141.
  19. 1 2 Lustosa, Isabel. D. Pedro I. São Paulo: Companhia das Letras, 2007, S. 180.
  20. Vianna, Hélio. História do Brasil: período colonial, monarquia e república. 15. Auflage. São Paulo: Melhoramentos, 1994, S. 436.
  21. Holand, Sérgio Buarque de. O Brasil Monárquico: o processo de emancipação. 4. Auflage. São Paulo: Difusão Européia do Livro, 1976, S. 233.
  22. Vianna, Hélio. História do Brasil: período colonial, monarquia e república. 15. Auflage. São Paulo: Melhoramentos, 1994, S. 434–435.
  23. Souza, Adriana Barreto de. Duque de Caxias: o homem por trás do monumento. Rio de Janeiro: Civilização Brasileira, 2008, S. 142.
  24. Lustosa, Isabel. D. Pedro I. São Paulo: Companhia das Letras, 2007, S. 182.
  25. Frei Caneca - Biografia - UOL Educação. Abgerufen am 25. Dezember 2016.
  26. Homero do Rêgo Barros: Frei Caneca: herói e mártir republicano. 1983, 8 Seiten.
  27. Vianna, Hélio. História do Brasil: período colonial, monarquia e república. 15. Auflage. São Paulo: Melhoramentos, 1994, S. 435.
  28. Flag of the Confederation of the Equator. In: crwflags.com. Abgerufen am 28. Juni 2006.
Äquator-Konföderation
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